Blick ins Ausland – Was wir uns von Dänemark abschauen können?

Andere Länder, andere Gesundheitsversorgung. Gemäß dem Motto, ein Blick über die Landesgrenzen liefert mitunter neue Ideen, möchten wir Ihnen künftig in unregelmäßigen Abständen europäische Gesundheitssysteme vorstellen.

Aktuell gilt Dänemark als eines der fortschrittlichsten Gesundheitssysteme, besonders im Bereich der Digitalisierung oder der kompletten Neustrukturierung der Spitalslandschaft.

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Steckbrief Dänemark

Finanzierung und Struktur

Im Gegensatz zum Konzept der Sozialversicherung erfolgt die Finanzierung der Gesundheitsversorgung wie in allen skandinavischen Ländern komplett aus Steuergeldern, in Dänemark vorwiegend durch die Einkommenssteuer, inklusive Pensionen.
In Dänemark existiert nur eine Krankenversicherung. Bewohner Dänemarks können zwischen zwei Varianten wählen, dem Hausarztmodell oder einem Versicherungsmodell mit freier Arztwahl. Nur zwei Prozent der Dänen, wählen jene Variante bei der für Fachärzte keine Überweisung notwendig ist. In diesem Fall müssen Versicherte, ähnlich unserem Wahlarzt-System, die Kosten im Voraus bezahlen. 

Rund 85 Prozent der Gesundheitsausgaben werden in Dänemark durch Zahlungen der staatlichen Krankenversicherung abgedeckt, der Rest durch Selbstzahlungen. Diese lagen 2023 bei circa 15 Prozent. Wie in anderen europäischen Staaten bekommt auch in Dänemark die private ergänzende Krankenversicherung eine wachsende Bedeutung zu, etwa 42 Prozent der Bevölkerung haben eine private Zusatzversicherung.

Hausarztmodell

Dänemark verfügt über eine stark ausgebaute ambulante Struktur. 98 % aller Dänen sind bei einer Hausarzt-Praxis eingeschrieben. Das Aufgabenspektrum der Allgemeinmediziner ist sehr weit gestreut. Anders als bei uns werden in Dänemark Kinder-, Schwangeren- und Krebsvorsorgeuntersuchungen direkt beim Hausarzt durchgeführt. Für eine Facharzt-Besuch und für stationäre oder ambulante Behandlungen im Krankenhaus braucht es eine Überweisung. Außerhalb der Öffnungszeiten werden Notfall-Patienten an einen „doctor on call“ weitergeleitet. Diese wechseln täglich, ähnlich unserem Modell des Hausärztlichen Notdienstes. Dänischen Ärzten stehen mit der Einwahl ins Gesundheitsportal „sundhed“ sofort alle notwendigen Patientendaten wie Befunde, Laborergebnisse, Beschreibungen von Röntgenbildern, Überweisungen, Krankenhaustermine und Impfungen zur Verfügung. 

Seit der Gesundheitsreform 2007 gibt es in Dänemark einige wenige „Superkliniken“.  Jede dieser sogenannten Superkliniken ist für rund 300.000 Bewohner zuständig und alle medizinischen Spezialleistungen werden dort gebündelt. Für Länder mit geringer Bevölkerungszahl ist eine solche Bündelung notwendig, um die geforderten Mindestfallzahlen zu erreichen.

Arbeitsbedingungen im Krankenhaus

Dänische Krankenhäuser unterscheiden sich erheblich von österreichischen Spitälern was die Arbeitsbedingungen und Kultur betrifft. Hier wird der Arztberuf fast ohne Überstunden und wenig Hierarchie gelebt. Hierarchische Strukturen sind in skandinavischen Kliniken nicht existent, weder intra- noch interprofessionell. So ist es selbstverständlich, dass der Abteilungsleiter einer großen Klinik geduzt wird. In Dänemark duzen sich (fast) alle, nur das Königshaus wird gesiezt. 

Es wird stark auf interdisziplinäre Zusammenarbeit, strukturierte Arbeitszeiten und eine gute Kinderbetreuung gesetzt. Die Ausbildung junger Ärzte ist in Skandinavien als echte Chefaufgabe definiert. 

Wie in anderen Sektoren gilt auch im Klinikbereich die 37-Stunden-Woche (inkl. Dienste). Auch gibt es in den meisten Abteilungen keine 24-Stunden-Dienste, gearbeitet wird im Zweischichtbetrieb. Der Nachtdienst dauert in der Regel von 15:30 – 8 Uhr, am Tag danach gibt es einen Tag frei („sovedag“). Überstunden und lange Dienste sind die absolute Ausnahme. Arbeitet man am Wochenende gibt es in der nächsten Woche einen sovedag. Überstunden werden alle 14 Wochen mit einem Faktor von 1,5 abgerechnet. Übernimmt man einen unvorhergesehenen Nachtdienst erst 24 Stunden vorher, gibt es eine extra Zahlung.

Doch es gibt im nördlichen Dänemark für Ärzte nicht nur Sonnenseiten. Das Land ist bekannt für seine hohe Einkommensbesteuerung und ein hohes Pensionseintrittsalter. Im europäischen Vergleich liegt Dänemark, mit einem Spitzensteuersatz auf Einkommen von 60,5 % an der Spitze, gefolgt von Frankreich (55,4 %) und Österreich (55 %) (2026). 

Die Dänen arbeiten auch länger als wir. Bereits 2006 wurde das Pensions-Eintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt. Dies wird alle fünf Jahre geprüft und angepasst. Derzeit beträgt das Eintrittsalter für nach 1970 geborene Arbeitnehmer 70 Jahre. 

Ausbildung zum Facharzt

Die postpromotionelle Ausbildung gliedert sich in Dänemark folgegendermaßen:

  • 6 Jahre Studium
  • 1 Jahr klinisk basisuddannelse (Basisausbildung), 6 Monate davon können in einer Primärversorgung absolviert werden 
  • 1 Jahr introduktionsuddannelse (Einführungsjahr im Fachgebiet)
  • 4 - 5 Jahre hoveduddannelse (eigentliche fachspezifische Ausbildung)

In Dänemark können Ärzte ihre Ausbildungsstelle bzw. ihr Krankenhaus nicht frei wählen. Man bewirbt sich zentral in der jeweiligen Region für eine Ausbildungsstelle und wird zugeteilt. Die Facharzt-Ausbildung erfolgt zweiteilig.  Im ersten Schritt bewirbt man sich für eine introduktionsuddannelse in seiner gewünschten Fachrichtung. Erst nach erfolgreicher Absolvierung dieser Phase kann man sich um die eigentliche Facharztausbildung bewerben. Ein Vorteil der zweiteiligen Facharztausbildung ist, dass man viele Bereiche der jeweiligen Fachrichtung testen kann, erste Erfahrungen auf dem Fachgebiet sammelt und die eigene Eignung für das Fach erproben kann. Für die erste Phase der Ausbildung gibt es einen festen Verlauf und auch das Erreichen der ärztlichen Anforderungen wird regelmäßig überprüft. Für den Hauptteil der Facharztausbildung, die hoveduddannelse muss man sich einem regionalen Auswahlverfahren stellen. Die Bewerber werden zu einem Vorstellungsgespräch mit allen weiterbildungsverantwortlichen Oberärzten einer Region geladen. Zudem gibt es im jeweiligen Fachgebiet eine Prüfung.

Während der Ausbildungszeit sind Rotationen innerhalb der Region üblich und die Ärzte haben keinen Einfluss darauf, in welche Klinik sie kommen. Das bedeutet für Ausbildungsärzte oft, dass lange Wege in Kauf genommen werden müssen. Die meisten Verträge sind nur auf ein Jahr abgeschlossen, wer länger bleibt gilt als unflexibel. Dennoch ist der Andrang auf Ausbildungsstellen groß, denn bekommt man nach der Ausbildung eine Stelle als Stationsarzt, sind geregelte Arbeitszeiten und eine gute Bezahlung fix. Wichtig für den mehrmaligen Wechsel der Ausbildungsstätte ist ein im Voraus festgelegter Verlauf, sowie ein digitales System, in welchem die erreichten Kompetenzen dokumentiert sind. Während der gesamten Ausbildung wird jedem Arzt ein klinischer „Supervisor“ zur Seite gestellt. Junge und ältere Assistenzärzte sind immer gemeinsam im Dienst. Auch ist es in den Nachtdiensten üblich, dass Assistenzärzte, Oberärzte und Abteilungsleiter gemeinsam zusammensitzen und offen über Behandlungsabläufe reden.

Flache Hierarchien - offene Fehlerkultur

„Fuck-up Friday" ist ein etabliertes Format in Dänemarks Kliniken. Im Vordergrund steht dabei ein offener und ehrlicher Austausch über eigene Fehler oder Beinahe-Fehler. Der Fokus liegt klar auf einer Lernorientierung. Durch das Reden über Fehler wird Angst abgebaut, das Vertrauen im Team gestärkt und letztlich die Patientensicherheit erhöht.

Hilfreich für diesen offenen Umgang mit Fehlern ist, dass in Dänemark die klassische Arzthaftpflicht abgeschafft ist.  Stattdessen wurde ein staatlicher Patientenentschädigungsfonds eingeführt. Ärzte dürfen im Verfahren offen über Fehler sprechen, ohne Disziplinarverfahren zu befürchten.

Schwächen des „dänischen Modells“ 

Natürlich wurden nicht alle Probleme mit der Gesundheitsreform vor knapp zwanzig Jahren gelöst. Doch das skandinavische Land lernte aus seinen Fehlern und steuert nach. Besonders für ältere und multimorbide Patienten brachte die strenge Zentralisierung Erschwernisse. Rund zehn Prozent der Dänen müssen durch Krankenhausschließungen mehr als 30 Kilometer zur nächsten Klinik fahren. Hier wurde nachgebessert: In unterversorgten Randgebieten kam es zu einem Regionalisierungsprozess und zum Ausbau der bislang unzureichenden poststationären Versorgung.  

Einzig für die langen Wartefristen hat Dänemark, ähnlich wie Österreich, noch kein Patentrezept. Nur, dass in Dänemark der Staat die Behandlung für bestimmte Krankheiten in einer privaten Einrichtung bezahlt, sollte diese in öffentlichen Einrichtungen nicht innerhalb von 30 Tagen möglich sein. Geht es nach den Plänen der dänischen Regierung soll diese Frist auf 60 Tage erweitert werden.

Mag. Sabine Weißengruber-Auer, MBA
Linzer Institut für Gesundheitssystem-Forschung