Die Bevölkerungspyramide wurde in mehreren Vorträgen als eine der zentralen Problemstellungen präsentiert. Denn die Gruppe der über 65-Jährigen wird immer größer, während der Nachwuchs geringer wird. Das bedeutet, dass sich weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter befinden, also weniger in das Gesundheitssystem eingezahlt wird, während gleichzeitig mehr Leistungen durch ältere Menschen nachgefragt werden. Christoph Badelt, Präsident des österreichischen Fiskalrats, zeigte in seinem Vortrag, dass die Staatsausgaben für Pensionen in den kommenden Jahren nur noch leicht ansteigen und sich anschließend stabilisieren werden. Demgegenüber werden sich die Kosten im Gesundheits- und Pflegebereich stetig nach oben entwickeln.
Durch das zunehmende Alter werden auch Krankheiten wie Demenz immer häufiger. Denn, so formulierte es Kai Loewenbrück von der Neurologie des KUK: Es stelle sich nicht die Frage, ob man Demenz bekomme, sondern ob man alt genug werde, um sie zu erleben. In seinem Beitrag zeigte er die steigenden Behandlungskosten in Verbindung mit dem neuen Demenzmedikament Lecanemab auf. Das Medikament habe eine sehr gute Wirksamkeit; der Verlauf der Erkrankung werde um etwa drei Jahre verzögert. Die hohen Kosten würden das im Einzelfall noch rechtfertigen. Betrachte man jedoch die Prävalenz der Erkrankung in der Bevölkerung, müsse man zum Schluss kommen, dass dies in der Breite nicht finanzierbar sei.
Loewenbrück verwies jedoch auch auf ungenütztes Potenzial im Bereich der Prävention: Eine gute Ausbildung, das rechtzeitige Tragen eines Hörgeräts, die Pflege sozialer Kontakte sowie ein insgesamt gesunder Lebensstil – also Nichtrauchen, wenig Alkohol, viel Bewegung, gesunde Ernährung, kein Übergewicht und Stressreduktion – könnten dazu beitragen, Demenz über die gesamte Lebensspanne hinweg vorzubeugen. Eine für große Teile des Publikums überraschende Präventionsmöglichkeit wurde ebenfalls genannt: die Impfung gegen Gürtelrose. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass diese das Risiko, an Demenz zu erkranken, um etwa 20 Prozent senken kann.
Den höchsten Kostenanteil in der Gesundheitsversorgung verursachen jedoch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Auch in diesem Bereich gibt es viele neue Therapiemöglichkeiten, die mit hohen Kosten verbunden sind. Das ist gut für die Patientinnen und Patienten, belastet jedoch das Gesundheitssystem. Ein Prozent des österreichischen BIP wird für die Behandlung kardiologischer Erkrankungen aufgewendet, informierte Clemens Steinwender von der JKU Linz in seinem Vortrag.
Martin Halla von der WU Wien zeigte, dass soziale Gleichheit in Gesundheitsfragen eine Illusion ist, der man sich nur allzu gerne hingibt. Zahlen belegen, dass Bildung und sozialer Status starke Auswirkungen auf die Lebenserwartung haben. Menschen, deren höchster Bildungsabschluss die Pflichtschule ist, haben eine deutlich niedrigere Lebenserwartung als Personen mit Lehrabschluss oder höherer Ausbildung. Das ist jedoch kein österreichisches Unikum, sondern lässt sich in vielen Ländern beobachten – auch in solchen mit sehr sozialen Gesundheitssystemen.
Iris Kesternich von der Universität Hamburg verdeutlichte in ihrem Vortrag „Arbeitskräftemangel im deutschen Pflegesektor“ den ökonomischen Zielkonflikt zwischen fairen Löhnen im Pflegebereich und dem herrschenden Finanzierungsdruck. Auch in Deutschland zählt der Fachkräftemangel in der Pflege zu den größten Herausforderungen. Aus diesem Grund wurde 2022 eine verbindliche Tarifbindung für die Altenpflege eingeführt. Durch die Reform erhöhten sich die Löhne von Fachkräften bereits im Jahr nach Einführung des Gesetzes um rund 15 Prozent. Die Lohnlücke zur Krankenpflege konnte dadurch um zwei Drittel reduziert werden. Damit wurde zwar eine fairere Bezahlung erreicht, gleichzeitig stiegen jedoch auch die Pflegekosten weiter an.
Trotz der höheren Löhne konnten allerdings nicht mehr Pflegekräfte gewonnen werden. Dies deutet darauf hin, dass das Problem des Personalmangels zumindest nicht ausschließlich finanzieller Natur ist. Der Vortrag zeigte, dass die Zukunft der Pflege davon abhängt, ob es gelingt, mit effizienteren Strukturen, besserer Ausbildung und einer strategischen Fachkräftegewinnung den steigenden Personalbedarf zu decken.
Auch die Pflegeversicherung steht in Deutschland unter starkem Druck. Friedrich Breyer von der Universität Konstanz zeigte in seinem Vortrag, dass es ohne rasche Gegensteuerung bis 2050 zu einer Verdopplung des Beitragssatzes kommen könnte. Dies werde einen gravierenden Generationenkonflikt auslösen. In keinem Zweig der deutschen Sozialversicherung seien die Ausgaben so stark gestiegen wie in der gesetzlichen Pflegeversicherung. Breyer fordert daher, dass die Babyboomer-Generation in den kommenden zehn Jahren stärker in den Pflegeversicherungsfonds einzahlt, denn zwischen Pensionierung und tatsächlichem Pflegebedarf ist ja noch Zeit. Dieser Fonds müsste nach seinem Vorschlag rechtlich als Eigentum dieser Generation geschützt werden, um einen Zugriff der Politik auf diese Mittel für andere Zwecke zu verhindern.
Wie sich Gesundheitsschocks und Arbeitsmarktbeteiligung gegenseitig beeinflussen, zeigte Wolfgang Frimmel von der JKU Linz. Schwere gesundheitliche Einschnitte von Beschäftigten belasten demnach nicht nur die Betroffenen selbst, sondern wirken sich auch auf ältere Kolleginnen und Kollegen sowie auf Unternehmen aus. Ältere Mitarbeitende bleiben nach solchen Ereignissen häufiger länger im Betrieb und verschieben ihren Ruhestand. Zudem nehmen Frauen nach krebsbedingten Erkrankungen im Kollegenkreis häufiger Vorsorgeuntersuchungen wie Mammografien wahr - bei Männern zeigte sich hingegen keine Auswirkung auf die Inanspruchnahme von Vorsorgeleistungen.
Besonders betroffen sind jedoch Angehörige – speziell Töchter –, da sie aufgrund notwendiger Pflegeleistungen häufig ihre Arbeitszeit reduzieren. Dies schlägt sich auch in den Einkommen dieser Angehörigen nieder. Der Effekt zeigt sich laut den präsentierten Daten bis etwa drei Jahre nach dem Gesundheitsschock.
Martin Salm von der Universität Tilburg (Niederlande) sprach über Kofinanzierungsmodelle und deren Eignung zur Lenkung von Patientenströmen. Der Vortrag bot interessante Einblicke in das Inanspruchnahmeverhalten von Patientinnen und Patienten mit beziehungsweise ohne Selbstbehalt. In den Niederlanden müssen die ersten 380 Euro an Gesundheitskosten pro Jahr selbst bezahlt werden – ausgenommen davon ist die Primärversorgung. Danach können Leistungen kostenfrei in Anspruch genommen werden.
In der Studie wurden Personen verglichen, die nach einem Aufenthalt in der Notaufnahme Gesundheitsleistungen in Anspruch nahmen – einmal Ende Dezember des Vorjahres und einmal Anfang Jänner. Die eine Gruppe hatte den Selbstbehalt noch offen, da dieser mit Jahresbeginn wieder auf null gesetzt wird. Die andere Gruppe hatte den Selbstbehalt bereits überschritten, weil die Versorgung in der Notaufnahme die Grenze von 380 Euro grundsätzlich übersteigt. In den Niederlanden wird streng triagiert, weshalb nur tatsächliche Notfälle in der Ambulanz behandelt werden. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Inanspruchnahme bei Personen ohne Selbstbehalt um 14 Prozent höher lag als bei jenen mit Selbstbehalt. Diese Zahl deckt sich auch mit den Ergebnissen des RAND Health Insurance Experiment aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Patientensteuerung über Kostenbeteiligung ist daher wirksam, muss jedoch sozial abgefedert werden, um gesundheitliche Nachteile zu vermeiden. Besonders die Ausnahme von Primärversorgung und Vorsorgemaßnahmen vom Selbstbehalt scheint dafür in den Niederlanden eine geeignete Regelung zu sein.
Alexander Mülhaupt, Geschäftsführer von Roche Austria, gab in seinem Vortrag „Innovation Gesundheit: Mehr Wert für die Gesellschaft schaffen“ einen Überblick über die europäische Regulierung medizinischer Forschung und erläuterte, warum die Zahl klinischer Studien in Europa und insbesondere in Österreich in den vergangenen drei Jahren deutlich zurückgegangen ist – in Österreich um rund 30 Prozent. Der Grund dafür sei einfach erklärt: Österreich sei im Vergleich mit anderen europäischen Ländern zu langsam und zu bürokratisch. Jeder Träger habe eigene Formulare und eigene Entscheidungswege. Klinische Studien müssten häufig sehr rasch gestartet werden, und Österreich sei dabei zeitlich oft nicht konkurrenzfähig. Mülhaupt bezeichnete dies als besonders schade, da sich die hohe Qualität und die technischen Standards der österreichischen Standorte eigentlich hervorragend für klinische Studien eignen.
Jakob Hochgerner von der Abteilung Gesundheit des Landes Oberösterreich sprach in seinem Vortrag „Gesundheitsversorgung – Subsidiarität und zentrale Steuerung“ über Fragen der Effizienz im österreichischen Gesundheitssystem. Zu Beginn betonte er, dass es selbst im besten Gesundheitssystem keine hundertprozentige Sicherheit geben könne. Er brachte dazu ein Beispiel: Bei einem Patient im Intensivbett würden pro Tag 178 Handlungen vorgenommen werden – das sind 65.000 Handlungen pro Jahr und Bett. Bei einer 99,99 %igen Fehlerfreiheit würde es dann noch immer zu sechs potenziellen Fehlern pro Bett und Jahr kommen. Die Summe der Handlungen und Entscheidungen, wie sie getroffen werden, wie sie gelingen, determiniere die Kosten und Qualität der Versorgung, so Hochgerner.
Der Landespolitiker meinte außerdem, dass es trotz der föderalen Struktur Österreichs in der Gesundheitsversorgung keine Grenzen zwischen den Bundesländern geben dürfe. Im weiteren Verlauf erläuterte er anhand konkreter Beispiele die Bedeutung zentraler Planung im Gesundheitswesen. So erklärte er, weshalb es aus rechtlichen Gründen derzeit keinen Herzkatheter-Standort im Burgenland geben könne und wie die weitere Vorgehensweise aussieht, wenn ein Bundesland die Vorgaben des Österreichischen Strukturplans Gesundheit (ÖSG) nicht einhält.
Das Symposium zeigte insgesamt eindrucksvoll, wie eng Fragen der Gesundheitsversorgung mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und demografischen Entwicklungen verknüpft sind. Die Vorträge machten deutlich, dass die Herausforderungen in den kommenden Jahren weiter zunehmen werden – gleichzeitig wurde aber auch sichtbar, wie viel Potenzial in Forschung, Innovation und kluger Strukturreform steckt. Gerade der Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis erwies sich dabei als besonders wertvoll. Das Symposium bot nicht nur spannende Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse, sondern auch wichtige Denkanstöße für die zukünftige Ausgestaltung der Gesundheitsversorgung in der DACH-Region.
LIG - Linzer Institut für Gesundheitssystem-Forschung


